Kleine Materialkunde
Dessousstoffe und Spitzen einmal genauer betrachtet
Das Verarbeiten hochwertiger Materialien ist für mich selbstverständlich. Nicht immer versteht man jedoch die Zusammensetzung der einzelnen Stoffe und deren Funktionalität. Um Dir ein besseres Verständnis über die von mir verarbeiteten Materialien zu geben, habe ich diese nachfolgend beschrieben.

SEIDE
Seide ist ein leicht fließendes Gewebe, das aus den Kokons der Seidenraupen gewonnen wird. Somit ist sie ein rein natürliches Gewebe. Der Weg zu diesem edlen Endprodukt ist ein langer und aufwendiger Prozess. Daher ist es nicht verwunderlich, daß Seide deutlich teurer ist als Kunstfaser.
Ihre zugleich kühlende und wärmende Eigenschaft macht sie zu einem beliebten Material für feine Lingerie oder auch Nachtwäsche. Seide ist hautverträglich, atmungsaktiv und trocknet schnell. Dieser edle Stoff zieht Handwäsche vor und kann auf kleiner Stufe gebügelt werden. Das macht besonders bei Trägerhemdchen Sinn, damit keine Fältchen, die unter Umständen beim Waschen entstanden sind, nicht unter der Oberbekleidung hindurchblitzen.
VISKOSE
Bei Viskose handelt es sich um ein halbsynthetisches Gewebe, das aus Cellulose, also reinen Pflanzenfasern, gewonnen, chemisch verarbeitet, versponnen und zu Stoffen bzw. in Mischgeweben verarbeitet wird. Man kennt Viskose auch unter der Bezeichnung „Kunstseide“. Durch ihre leichte Beschaffenheit trägt sich Viskose ebenso leicht und weich auf der Haut wie Seide. Und durch ihren leichten Glanz wirkt sie ebenso edel wie Seide.
Viskose verträgt Maschinenwäsche, sollte aber nicht heißer als 30° bis 40° C gewaschen werden. Falls Du einmal kleine Fältchen beseitigen möchtest, bügele möglichst nicht heißer als auf der Synthetik- oder Seide-Stufe des Bügeleisens.


BAUMWOLLJERSEY
Baumwolle ist eine rein pflanzliche Faser. Sie wächst in Kapseln an Sträuchern, wird in Spinnereien zu Garnen versponnen und in der Textilindustrie weiterverarbeitet, unter anderem in Jerseystoffen. Jerseys sind elastische Strickstoffe, die man oft als Mischgewebe findet (Seide, Viskose, Wolle, Baumwolle). Gerade für Trägerhemdchen werden gerne die elastischen Stoffe gewählt, aber auch für BHs und Slips. Baumwolljersey ist weich, atmungsaktiv und kann ohne Probleme in der Waschmaschine gewaschen werden, sogar wenn im Dessous-Set Spitze mitverarbeitet wurde (30° C im Wäschenetz).
MIKROFASER
Mikrofaser bezeichnet in erster Linie die feinstoffliche Struktur des Gewebes (mikro / micro = klein). Mikrofaser kann ein rein pflanzliches Stoffgewebe sein, ist aber meist als Mischgewebe aus verschiedenen Stoffen und Elasthanen bekannt. Seine geschmeidige Oberfläche macht den Stoff so beliebt für Dessous und feine Lingerie. Es ist sehr atmungsaktiv, saugt sich nicht so schnell mit Feuchtigkeit voll, wie dies zum Beispiel Baumwollstoffe tun, und wird daher oft auch für Sportunterwäsche verarbeitet.



SPITZE, ELASTISCH / UNELASTISCH
In der Dessousnäherei sind Spitzen nicht wegzudenken. Sie verleihen einem Dessous den eleganten Touch.
Elastische Spitzen folgen den alltäglichen Bewegungen ohne im Hautgewebe einzuschneiden. BH-Cups, die mit elastischer Spitze gearbeitet werden benötigen ein Futter (Charmeuse oder Laminat), um dem Cup den nötigen Halt zu bieten. Je nach Beschaffenheit einer unelastischen Spitze kann diese auch ohne Futter als BH-Cup verarbeitet werden. Über Teilnähte wird ein sogenanntes Charmeuse-Nahtband genäht. Dies verhindert ein Ausfransen der Teilnaht.
Slips aus elastischer Spitze kommen – je nach Design – ohne Veloursgummi am Beinausschnitt aus. Darum werden sie auch gerne unter enger Kleidung oder schmalen Hosen getragen, da kein Gummiband in das Gewebe einschneidet und sich unter enger Kleidung abzeichnet.
Spitzen werden aus feinen Garnen und/oder Fasern auf großen Industrie-Webmaschinen hergestellt. Zu den beliebtesten Mustern gehören florale Designs mit Bogenkanten. Elastisch wird eine Spitze durch sehr feine Gummifäden (Elasthane), die beim Webvorgang mit eingearbeitet werden. Wir kennen solche feinen Gummifäden beispielsweise aus Wäsche- (Mikrofaser) und Bademodestoffen.
Das Thema Bio macht auch vor Spitze keinen Halt. So werden viele Spitzen mit Seide, Viskose oder Baumwollgarnen hergestellt.
STICKSPITZE
Stickspitzen sind auch unter dem Begriff „Tüllstickerei“ bekannt. Die Muster entstehen auf feinen, meist tüllartigen Geweben.
CHARMEUSE
Charmeuse ist eine Art feinmaschiger Tüll, eine Wirkware, die zur Stabilisierung von BH-Cups eingesetzt wird. Sie gibt der Brust einen guten Halt, den elastische Wäschestoffe alleine nicht bieten. Bei solchen Cups spricht man von Softcups. (Im Gegensatz zu Schalencups, die mit Schaumstoff – Fachbegriff „Laminat“ – unterlegt werden.)
Diese tüllartige Wirkware findet sich auch im BH-Mittelteil wieder. Dort wird sie in der undehnbaren Längsrichtung verarbeitet, womit sie das BH-Mittelteil undehnbar macht. In BH-Cups nimmt man die dehnbare Diagonale der Charmeuse. Dies gibt dem Cup genug Halt, aber auch einen leichten Spielraum für die Brust ohne das Gewebe einzuengen.
Charmeuse finden wir ebenfalls in der Verarbeitung von Corsagen wieder. Hier wird der Wäschestoff, der Bauch und Taille formt, undehnbar gemacht. Nicht zu verwechseln sind Corsagen mit Schnürkorsetts, die mit anderen Materialien gefertigt werden!


POWERNET
Powernet ist ebenfalls ein Futterstoff für Dessous, jedoch elastischer als Charmeuse. Es gibt Powernet in verschiedenen Stärken und Dehnbarkeiten. Eingesetzt wird es überwiegend im Rückenband eines BHs, um dort die nötige Stabilität zu geben. Gerade bei großen Größen hält Powernet das Rückengewebe sehr schön zusammen und sorgt so für eine schmale Silhouette seitlich unter den Armen und im Rückenbereich.
Manche Hersteller nutzen Powernet zur Stabilisierung von BH-Cups. Dies funktioniert meiner Erfahrung nach bei kleinen und mittleren Größen gut. Für große Größen hat sich jedoch Charmeuse bewährt oder der Wäschestoff Duoplex. Dieser wird sehr engmaschig und fast undehnbar produziert. Und unter dem eigentlichen Stoffgewebe ist zusätzlich eine stabiles Tüllgewirke eingearbeitet.
Ebenso wie Charmeuse sind die meisten Powernetgewebe sehr weich und angenehm auf der Haut. Festere Powernetgewebe würde man eher in Corsagen verarbeiten, dann aber mit einem weicheren Gewebe überziehen, das direkt auf der Haut liegt.
LAMINAT
BHs und Bikini-Oberteile werden in zwei Varianten angeboten: mit Schalencup- oder mit Softcup. Das Schalencup unterscheidet sich vom Softcup dadurch, daß es mit einem Schaumstoffpolster (Fachbegriff: Laminat) unterlegt wird, wohingegen das Softcup aus einem stabilisierenden Futter (Charmeuse), Wäschestoff und Spitze gefertigt wird.
Der Begriff „Laminat“ wird heutzutage meist mit Bodenbelag in Verbindung gebracht. Dabei bedeutet „laminieren“ nichts anderes, als Schichten miteinander zu verbinden. Man kennt „laminieren“ auch aus dem Büroalltag, wenn Papiere zwischen eine Folie gepreßt werden, um sie vor Wasser zu schützen. Bei den Schaumstoffeinlagen ist es nichts anderes. Hier wird ein Schaumstoff mit Jersey oder einem Kunstfaserstoff überzogen. Aus diesen „Platten“ werden BH-Cups oder auch Polsterungen für BH-Träger gefertigt.
In der Industrie werden diese Platten über runden Formen heiß gepreßt und ergeben so ein nahtloses BH-Cup. In der Maßschneiderei wird das Laminat anders weiterverarbeitet: Damit ich eine geeignete Cup-Form erhalte, arbeite ich die Cups zum einen nach den kundeneigenen Körpermaßen. Und zum anderen erhält das Cup entsprechende Teilnähte, um so eine optimale Rundung für die Brust der Kundin zu erhalten. Die Teilnähte werden mit einem feinen Nahtband überzogen, so sind die Nähte angenehm auf der Haut zu tragen. Das Laminat-Cup erhält dieselben Teilnähte wie das BH-Cup aus Stoff und Spitze. Dadurch blitzt keine andere Naht durch den Oberstoff des BHs.
